Dieter Voigt
Orgelbaumeister und A-Kirchenmusiker
Tage der
Orgelmusik und der Orgelwissenschaft
vom 28.-30.04.2005
Symposium
30.04.2005
Themenbereich III
Orgelsubstanz
zwischen Denkmalschutz und musikalischem Anspruch
Museumsorgel oder
Kirchen- und Konzertorgel
Einführung
Der Fachbereich Orgelrestaurierung, wie auch der Bereich Restaurierung im Allgemeinen, entwickelte sich forciert etwa ab 1970 zu einer neuen Qualität mit einer zuvor nicht gekannten Breitenwirkung und wird in der Regel gestützt durch ein hohes Verantwortungsbewusstsein gegenüber den uns überkommenen menschlichen Leistungen vergangener Generationen.
Wir beklagen heute den vielfachen Verlust wertvoller historischer Zeugnisse durch Kriege, aber auch durch leichtfertige Zerstörungen oder Veränderungen in der Vergangenheit, die bis in die Gegenwart reichen.
Firmen, die viele Orgeln gebaut haben, sind zumindest in Mitteleuropa auch gleichzeitig mit verantwortlich für den Verlust älterer Orgeln.
Es darf jedoch keine Frage sein, dass jeder Generation ihr künstlerischer Gestaltungsfreiraum zugestanden werden sollte. Aber parallel zu den dramatisch zunehmenden technologischen Leistungskräften unserer Zeit, muss eine Balance für das Erhaltenswerte und der Freiraum für das neu zu Schaffende mit hoher Sensibilität, aber auch mit Kompetenz entwickelt werden.
In diesem Sinne ist, aus meiner Sicht, auch der Platz für die Orgelrestaurierungen zuzuordnen. Aufbauend auf den vielen Veröffentlichungen zur Thematik Orgeldenkmalpflege, den bereits erarbeiteten Rahmenbedingungen und den Richtlinien für die Denkmalpflege sollten am heutigen Tage jedoch ganz praktische Konflikte, mit denen Orgelbauer bei ihren Restaurierungsarbeiten konfrontiert werden, im Mittelpunkt stehen. Konflikte, die sehr oft in der Öffentlichkeit klein gehalten oder gar nicht benannt werden, weil die Ausführenden u. U. Imageschäden befürchten müssen und bei einem Vergleich an z. Z. gültigen Maßstäben in Bedrängnis geraten können. Der Boden, auf den wir uns begeben, ist also für Orgelbauer nicht rutschfest. Wir hoffen aber, dass mit den folgenden Beispielen, mit denen Orgelbautheoretiker nicht immer so pragmatisch konfrontiert sind, die Sichtweise in spezifischen Restaurierungsfragen relativiert wird und möglicherweise weiter führt als manche bisher allzu pauschal getroffene Entscheidung.
Voraussetzung für alle nachfolgenden restauratorischen, rekonstruktiven und konzeptionellen Überlegungen ist eine Einstufung der jeweiligen Orgel hinsichtlich ihrer musikgeschichtlichen, kulturhistorischen und landschaftsbezogenen Bedeutung. Sehr alte Orgeln – etwa vor 1820 – besondere Unikate und dgl. sollten am heutigen Tage nicht Gegenstand unseres Meinungsaustausches sein. Für die Museumsorgel gilt ohnehin die Zielsetzung, dass der belegbare und dokumentierte „Urzustand“ in der Regel uneingeschränkt zu erhalten ist. Aber für die Kirchen- und Konzertorgeln sollten aus einer relativ objektiven Betrachtungsweise Konstruktions- und Fertigungsfehler benennbar sein. Ob Änderungen zu rechtfertigen sind, selbstverständlich nach Dokumentationen des vorgefundenen Zustandes und unter Wahrung der ursprünglichen handwerklichen und künstlerischen Handschrift, darüber wollen wir sprechen. Dabei sollten wir abschließende Wertungen über Verfahrensfragen bei Orgelrestaurierungen, wenn sie mit einem hohen Maß an Fachwissen untersetzt sind, vermeiden. Es wird letztlich bei subjektiven Entscheidungen bleiben müssen.
Nicht nur bei Orgelneubauten, sondern auch hinter den umfassenden Orgelrestaurierungen und den sehr oft dazu gehörenden Teilrekonstruktionen steht unvermeidlich die spezifische und subjektive Arbeit von Orgelbauer und Fachberater.
Soweit diese zum Thema hinführende Gedanken.
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Und nun zur Problematik, mit der der Orgelbauer in seiner praktischen Arbeit immer wieder konfrontiert wird.
Wir finden mitunter an verschiedenen Orgeln der gleichen Firma aus unterschiedlichen Fertigungszeiten hinsichtlich der konstruktiven und handwerklichen Qualität auch unterschiedliche Leistungen. Wenn sich daraus im Laufe der Alterungsprozesse schwerwiegende Mängel ergeben, geraten die ausführenden Restaurierungsfirmen und die beratenden Orgelsachverständigen immer wieder in Konfliktsituationen, in denen Entscheidungen zu treffen sind, die oft auf Grund verschiedener Intensionen der Verantwortlichen sehr unterschiedlich ausfallen können.
Die Kernfrage lautet dann: Verbessern oder den Zustand belassen. Nachfolgende Beispiele sollen aufzeigen, was gemeint ist.
Die Mathias Vogler-Orgel (1805) in Schildau.
Von Vogler ist z. B. in Prittitz bei Naumburg ein sehr gutes einmanualiges Werk erhalten. Die einzige uns überkommene zweimanualige Orgel von Vogler steht in Schildau bei Torgau. Das Instrument wurde 1939 umgebaut, die um 3 Halbtöne zu hohe Stimmung durch Umhängen der Traktur auf Normaltonhöhe gebracht, die fehlenden Pfeifen dis3-f3 pneumatisch gesteuert ergänzt.
Das Instrument hat einerseits mit seinem klassischen inneren Aufbau, der im engen Bezug zum Orgelgehäuse steht, den teilweise erhaltenen Pfeifen, den Windladen, den Keilbälgen und der Kanalanlage eine solide Grundsubstanz, andererseits bestehen eine Reihe von wesentlichen Schwachpunkten, handwerklichen Unzulänglichkeiten, konstruktiven Fehlern und außerdem fehlen über 60 % des Pfeifenwerkes und sind zu rekonstruieren. Angesichts von erheblich zu investierenden finanziellen Mitteln und im Interesse der Kirchengemeinde und der zukünftigen Nutzung des Instrumentes darf das anzustrebende Restaurierungs- und Rekonstruktionsergebnis nicht aus dem Blickfeld geraten. Um zu verdeutlichen, was gemeint ist, nachstehend einige Beispiele bzw. Fragenkomplexe:
1. Die Gemeinde hatte 60 Jahre eine Orgel mit (unserer Zeit entsprechend) normaler Tonhöhe a1 ca. 438 Hz, allerdings in der großen Oktave erst mit Dis beginnend. Es ist der Wunsch der Gemeinde, diese normale Tonhöhe zu belassen.
Wie ist aus denkmalspflegerischer Sicht zu verfahren? Neubau von 60 % des Pfeifenwerkes 3 ½ Töne zu hoch oder normale heutige Tonhöhe und Umrastieren des erhaltenen historischen Bestandes?
2. Die Orgel erhält nach dem Verlust der originalen Prospektpfeifen 1917 im Ersten Weltkrieg nunmehr im Rahmen der Restaurierung wieder neue Zinnprospektpfeifen. Es zeigt sich, dass die Prospektverführungen bei den langen Luftleitungswegen keine ausreichende Windversorgung der Pfeifen ermöglichen, zu den Pfeifen mit kurzen Windleitungswegen besteht ein deutlicher Qualitätsunterschied, der mit den handwerklichen und künstlerischen Möglichkeiten des Intonateurs nicht zu beseitigen ist. Es besteht Handlungsbedarf hinsichtlich optimaler Windverführungen.
3. Einige Eichenschleifen (9 mm dick) sind auf Grund minderwertiger Holzqualität (sogar mit großen Ästen) so verworfen, dass sie für ihre eigentliche Funktion nicht mehr brauchbar sind.
4. Etwa 50 % aller Wellen des Hauptwerkswellenbrettes bestehen aus abgewinkelten Drahtstangen mit Krampen befestigt. Die Torsion dieser Wellen reicht von 6-8 mm des Tastenganges. Da es sich außerdem um die meist benutzte Mittellage der Klaviatur handelt, ist eine präzise Funktion mit dieser Konstruktion nicht zu erreichen.
5. Die Abstraktenführung im Oberwerk vom Wellenbrett verlaufen sehr schräg nach vorn unten an die einarmige (hängende) Klaviatur, die Ventile werden weit, etwa um das dreifache des Windbedarfs geöffnet. Die Traktur spielt dadurch unnötig schwer. Eine eher senkrechte (vertikale) Führung der Abstrakten, womit der Angriff an die Klaviatur weiter hinten erfolgen würde mit sehr viel günstigeren Übersetzungsverhältnissen, wäre eine einfache pragmatische Lösung!
6. Die originalen Pfeifenstöcke sind aus Kiefernholz mit sehr unterschiedlicher Holzqualität und z. T. erheblich durch Holzwurmbefall beschädigt. Außerdem blieben bei vielen Stöcken auf Grund der 1939 erfolgten Umdisponierung – in sehr schlechter handwerklicher Qualität – nur etwa 9 mm starke Stocksohlen erhalten.
Weitere Beispiele aus anderen Orgeln:
7. Mechanische Kegellade originale Abstraktenschuhe aus Eichenholz (Gerbsäure!), Achsdrähte aus Eisen (Nägel) auf Grund starker Korrosion vielfache technische Störungen. Mit welchem Material soll restauriert werden, wieder mit Eisen?
8. Vom Holzwurm schwer beschädigte Holzpfeifen in z. T. schlechter Kiefernholzqualität – erneuern bzw. teilerneuern oder verfestigen mit Fremdmitteln – erhält damit die Pfeife dauerhaft ihre alte Holzqualität zurück?
9. Ventilaufgang im Pedal bis ca. 25 mm, Ventile springen beim unsensiblen virtuosen Pedalspiel (vor allem durch Gastorganisten) gelegentlich heraus – Konstruktion ändern?
10. Das Pedalspiel verursacht unverhältnismäßige Windstöße in den Manualwerken. Eine spezielle Veränderung an einer Stelle der Kanalanlage würde eine wesentliche Verbesserung der Windversorgung erbringen. Darf geändert werden – mit Augenmaß – eine „lebendige Windversorgung“ bleibt trotzdem?
11. Es bestehen an Zungenstimmen schwerwiegende Konstruktionsfehler z. B. bei Trompete 8’. Nachweislich waren diese Register selbst unmittelbar nach jeder Stimmung nie zuverlässig in der Ansprache und der Stimmhaltung (Fehler werden durch Bilddokumentation aufgezeigt, u. a. Becherlängen sind nach der originalen Tonhöhe bemessen um ca. 1,25 Halbtöne zu kurz). Es besteht der Anspruch seitens eines Orgelsachverständigen den Konstruktionszustand zu belassen und es besteht der Anspruch seitens des Organisten, die Register zuverlässig verwenden zu können.
12. Die hohen Töne einer Pedalposaune 16’ sprechen unsicher an. Die Untersuchung ergibt: die Verführungen bzw. Verbohrungen im Stock sind zu eng.
13. Rückführung umdisponierter Orgeln.
Als Beispiel: W. Sauer baut zwei gleich disponierte Orgeln. Eine Orgel für eine größere Stadt erhält eine Trompete 8’ im Hauptwerk; die zweite Orgel findet in einer Kleinstadt Aufstellung, allerdings anstelle der Trompete 8’ erhält die Orgel ein Labialregister 8’. Sauer befürchtete, dass dieses Zungenregister an diesem Ort nicht genügend gepflegt bzw. gestimmt wird. In den sechziger Jahren des letzten Jh. erfolgte eine Umdisponierung der Orgel und später der Einbau einer Trompete 8’. In den letzten Jahrzehnten fanden regelmäßig künstlerisch hochwertige Orgelkonzerte statt. Soll nach einer erneuten klanglichen Rückführung der Orgel auch die Trompete 8’ wieder entfernt werden? Welchen Stellenwert kann ein „gewachsener Bestand“ in diesem Fall haben?
14. Pneumatische Orgeln
Eine schlecht repetierende und erheblich verzögernde Funktion der Tontraktur einer dreimanualigen pneumatischen Orgel soll nach Gutachten durch Erneuerung aller pneumatischen Lederteile verbessert werden. Die Ursache der schlechten Tonsteuerqualität liegt jedoch in der pneumatischen Steuertechnik; zu viele Zwischenrelais (Funktion einer Reihenschaltung) erbringen bereits die Verzögerungen.
15. Entscheidungsfindungen bei langen sehr unpräzise arbeitenden pneumatischen Steuerleitungen sind Teilelektrifizierungen oder Teilmechanisierungen etwa bis zur Nähe der Windladen oder der Relais an den Windladen zulässige Alternativen?
16. Stellungnahme zur Frage des Austausches von bereits von 90-100 Jahre alten, aber immer noch intakten Lederbälgchen, z. B. in Kastenladen als rein präventive Maßnahme.
17. Unterschiede in der Haltbarkeit bzw. der Alterungsbeständigkeit von Leder aus der Produktion der letzten Jahre speziell für Pneumatikbälgchen.
Pauschale Entscheidungen wird es nicht geben können, individuelle Entscheidungen mit hoher Sachkompetenz und hohem Verantwortungsbewusstsein werden weiterhin notwendig sein.